| Sehr geehrte Damen
und Herren! Tabu, das Wort kommt
aus dem Polynesischen. Tabu, sagt das Lexikon, bedeutet: Das Unaussprechliche,
das Unberührbare, das Verbotene, mit dem Sinn, Unheil magisch durch eine
übernatürliche Macht zu vermeiden.
Das Lexikon sagt auch: Tabus sind im
allgemeinen geheimnisvoll und weder rational zu verstehen noch funktional
begründet.
Tabus beziehen sich immer auf grundlegende
Werte einer Gesellschaft, nämlich um das soziale Handeln des Einzelnen den
jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen.
Vieles paßt meines Erachtens auch
zur Sexualität, obwohl diese heutzutage natürlich kein Tabu mehr
ist.
Jeder hat seine eigenen Gedanken, wenn die
Sprache auf das Sexuelle kommt. Der eine verbindet damit Liebe,
Zärtlichkeit, Erotik, Kuschelsex, der andere Risiko, Abenteuer, Macht
ausüben, Aggression. Mit der Sexualität lassen sich fast alle
Gefühle der Menschen in Beziehung setzen, und vergessen wir nicht, der
sexuelle Trieb ist eine Grundstrebung des Menschen, der auch wir alle unser
Leben verdanken.
Ein wesentlicher Aspekt des Alters ist,
daß man Erfahrungen gesammelt hat, gewollt oder ungewollt, und auch auf
den sexuellen Bereich bezogen sicherlich gute und mal weniger gute, vielleicht
sogar auch leidvolle.
Ich habe natürlich anläßlich
meines Kurzreferates nochmals spezielle Fachliteratur gelesen, denn mein Alltag
im Gesundheitsamt vermittelt mir dieses Wissen natürlich nicht, und so
kann ich doch einiges berichten, was für den Einzelnen neu ist, der andere
mag sich bestätigt sehen und der dritte wird etwas mutiger dadurch.
Der Anthropologe Ashley Montague kommt zu dem
Schluß, daß das Alter nicht anhand eines Kalenders gemessen werden
kann, sondern nur anhand des tatsächlichen Lebens einer Person.
Die Jugend ist gegen das Alter schon klar
abgrenzbar, aber tatsächlich sind die Übergänge vom mittleren
Lebensalter zum Alter im allgemeinen fließend.
Glaubt man den Soziologen, so ist die
durchschnittliche Einstellung in unserer Gesellschaft gegenüber alten
Menschen von dem eingebürgerten Vorurteil der Asexualität mit
geprägt.
Das Vorurteil vom asexuellen Alter scheint
vor allen an drei Punkte anzuknüpfen:
1. die sexuelle Funktion ist, besonders bei der
Frau, gebunden an die Fruchtbarkeit,
2. sexuelle Spannung und das Bedürfnis nach
Befriedigung sind in der Jugend hoch und sinken mit dem Alter ab,
3. Jugend ist verbunden mit körperlicher
Gesundheit, und die natürlichen Veränderungen des Alters werden als
Krankheit angesehen.
Diesen drei Punkten stehen die
Forschungsergebnisse zum Sexualverhalten im Alter gegenüber. Aus
wissenschaftlichen Studien geht klar hervor, daß die Frau lebenslang
orgasmusfähig ist, trotz Veränderungen am Genitale durch Hormonmangel
durch die Wechseljahre, und daß sie sexuelle Wünsche hat, wenn auch
nicht immer gleich stark. Die individuelle Fähigkeit der Frau diese
Wünsche zu befriedigen, hängt außerordentlich stark mit ihrem
Sexualleben in der Jugend zusammen. Fast ohne Ausnahme, und dies gilt auch
für Männer, sind Personen, die in der Jugend sexuell aktiv waren, es
auch noch im Alter, und die Personen, die ihre sexuellen Bedürfnisse auch
in der Jugend als gering beschrieben, sind im Alter weniger aktiv.
Aus Zeitgründen möchte ich nicht im
Detail auf alle Veränderungen des weiblichen Genitale durch Hormonmangel
eingehen. Der Hormonmangel bewirkt überwiegend eine Verlangsamung und eine
gewisse Abschwächung von Reaktionen, die, wenn gewünscht, durch
Hormongaben, von der Frauenärztin oder vom Frauenarzt verschrieben,
erheblich verbessert werden können.
Entscheidend ist aber eigentlich, wenn wir von
einer gewünschten Befriedigung der Frau ausgehen, eine angemessene
sexuelle Erregung der Frau. Diese wiederum ist nicht nur vom körperlichen
Miteinander der Partner, sondern auch von seelischen und sozialen Faktoren
abhängig, auf die ich später noch eingehen möchte.
Die sexuellen Funktionen des älteren Mannes
sind an und für sich störanfälliger als die sexuellen Funktionen
der älteren Frau. Häufig führen Erkrankungen, z. B. ein
Bluthochdruck und eine Zuckererkrankung mit den Folgen von
Durchblutungsstörungen zu sexuellen Schwierigkeiten, z. B. einer Impotenz.
Natürlich spielen bei Impotenz auch die seelischen und sozialen
Bedingungen eine wichtige Rolle. Man sollte mit einem Arzt seines Vertrauens
darüber sprechen, versuchen eine Abklärung des Geschehens zu
erreichen und wenn möglich und gewünscht, sich therapieren lassen.
Die Möglichkeiten der modernen Medizin sind wirklich erstaunlich. Seit ein
paar Monaten gibt es eine neue medikamentöse Hilfe, die für Aufsehen
sorgte und Ihnen allen sicherlich schon bekannt ist als das blaue Wunder namens
"Viagra". "Viagra" ist kein potenzst eigerndes
Liebeselixier der Moderne, sondern wirklich ein Medikament, welches man nur auf
Rezept erhält und, wenn man es ausprobieren möchte, eine vorherige
ärztliche Beratung erfordert.
Erstaunlich ist, daß die
Forschungsarbeiten, die unser heutiges Thema betreffen, sich fast
ausschließlich mit Ehepaaren beschäftigen und in sexueller Hinsicht
überwiegend nur mit dem klassisch vollzogenen Geschlechtsverkehr. Da
erfahren wir dann, daß, natürlich rein statistisch gesehen, dieser
bei der Frau zwischen 60 bis 65 Jahren und beim Mann mit 68 Jahren die
vorherige Wertigkeit verliert. Jedoch sind bei den Männern zwischen 70
ñ 79 Jahren noch 30 % und bei den Männern über 80 Jahren noch
22 % sexuell aktiv. Bei den Frauen zwischen 70 und 79 Jahren sind noch je nach
Studie 31 und 45 % und bei den Frauen über 80 Jahren noch bis zu 10 %
sexuell aktiv.
Im allgemeinen sind es zu 2/3 der Männer
und zu 1/3 die Frauen, die den ehelichen Geschlechtsverkehr einstellen
möchten. Die Gründe sind zwar bei beiden Geschlechtern die gleichen,
zum Beispiel Verlust des Interesses, sexuelle Probleme und Krankheit, aber die
zahlenmäßige Verteilung ist doch recht unterschiedlich. Sexuelle
Probleme werden beim Mann bis zu 40 % angegeben, bei der Frau nur bis 6 %.
Allerdings muß man dazu ergänzen, daß die sexuellen Probleme
von älteren Männern von der Medizin ausführlich beachtet werden,
auch wenn sie oft recht technisch behandelt werden.
Die ausführliche Beachtung von seiten der
Medizin ist insofern verständlich, da die Männer auf dem Gebiet der
genitalen Sexualität einem größeren "Erfolgs- und
Leistungsdruck" ausgesetzt sind als die Frauen.
Die sexuellen Störungen der Frau werden
insgesamt selten angesprochen und sie werden wohl wissenschaftlich und
gesellschaftlich als nicht so interessant angesehen.
Obwohl viele Wissenschaftler sexuelle
Aktivität mit für das Nonplusultra älterer Partnerschaften zu
halten scheinen, sehen die Betroffenen das offenbar ganz anders. Bezüglich
der körperlichen Möglichkeiten der sexuellen Aktivitäten hat man
sich in der Realität arrangiert und übt andere sexuelle Praktiken
aus, wobei der Hand eine besondere Bedeutung zukommt. Zärtlichkeit und
Umarmungen sind für einige wichtig. Für andere wiederum bedeutet der
Rückzug vom Geschlechtsverkehr auch das sich Zurückziehen von fast
jeglichem intimen Körperkontakt. An dieser Stelle möchte ich es nicht
versäumen zu erwähnen, daß die altersbedingten
körperlichen Veränderungen oft als Schwäche angesehen werden.
Man schämt sich für etwas und vor jemandem. Man fürchtet eine
Bloßstellung und eine damit verbundene Zur ückweisung. Es ist eine
wichtige Aufgabe bei der Beziehungsarbeit in einer Partnerschaft älterer
Menschen sich gegenseitig zu helfen die Angst davor zu überwinden.
Zitat: "Die Liebe hat weder mit dem
Geburtsdatum noch mit der Schönheit oder Gesundheit zu tun. Mit achtzig
kann man lieben wie mit sechzehn. Die Falten graben sich ins Gesicht ein, aber
nicht ins Herz oder Geschlecht."
Wie ich vorher erwähnte, beziehen sich die
Forschungen überwiegend auf Ehepaare. Die sexuellen Situationen in anderen
Beziehungen wurden kaum untersucht. Es gibt aber Hinweise, daß Frauen in
nichtehelichen Beziehungen Sex für wichtiger halten und auch häufiger
sexuell aktiv sind. Vermutlich steht das in Zusammenhang mit der im allgemeinen
kürzeren Beziehungsdauer nichtehelicher Beziehungen. Sexuell aktive
ältere Frauen weisen auch weniger körperliche genitale
Altersveränderungen auf als ältere Frauen ohne sexuelle
Aktivitäten. Ein roter Faden zieht sich durch die gesamte Literatur
über ältere Menschen: Wie in anderen Lebensbereichen im Alter, wir
kennen alle das Sprichwort: "Wer rastet, der rostet", so ist es auch
im sexuellen Bereich: Aktivität schützt vor
Abbauerscheinungen.
Aber wie aufschlußreich nun auch die
einzelnen Sexualstudien sind, es bleiben viele offene Fragen. Klar ist
eigentlich jedem, daß man die weibliche oder die männliche
Sexualität nicht so isoliert sehen kann. Natürlich gibt es eine
Wechselbeziehung zwischen Sexualität und emotionaler Beziehung der
Partner, die das Erleben ausmachen. Dieses Erleben bei älteren Menschen
ist aber wenig erforscht. Auch die Frage, wie können ältere Paare im
erotischen Bereich langfristig Routine und Langeweile vermeiden, wäre eine
interessante Frage. Eine ganz andere, aber für den Einzelnen eine wichtige
Frage könnte sein, wie bekomme ich überhaupt wieder einen Partner,
wenn ein Verlust stattgefunden hat, damit ich Sexualität leben
kann?
Ältere Menschen müssen sicherlich auch
vermehrt lernen, ihre Bedürfnisse offen anzusprechen, z. B. bei
Ärzten bzw. allen anderen helfenden Berufsgruppen, aber auch bei den
Angehörigen.
Ich weiß, daß dies nicht leicht ist.
Insbesondere diejenigen unter Ihnen, die im ersten Drittel dieses Jahrhunderts
geboren wurden, werden bestätigen, daß in dieser Zeit die
Sexualaufklärung nur unzureichend stattfand und daß das
Verständnis von Sexualität stark von einengenden traditionellen
Moralvorstellungen und religiösen Normen geprägt war. Durch einen
derartigen Umgang mit dem Thema Sexualität in der Vergangenheit,
fällt es vielen älteren Menschen heute auch noch sehr schwer
über Sexualität zu reden, da sie es nie wirklich gelernt haben, offen
mit diesem Thema umzugehen. Aber dieser Kurzvortrag soll Impulse setzen. Vor
allem eben sich über seine Bedürfnisse klar zu werden, zu ihnen zu
stehen und im vernünftigen Rahmen versuchen, sie zu verwirklichen.
Letztendlich kann man nur betonen und raten, die
bereits vorhandenen Möglichkeiten zur Geselligkeit, Kontaktaufnahme und
Gesprächen, die angeboten werden, persönlich intensiv zu
nutzen.
Lassen Sie mich noch kurz auf ein Thema
eingehen, welches vom gesellschaftlichen Bewußtsein wenig aufgegriffen
wird: Sexualität im Altersheim.
Die Gründe dafür sind vielfältig
und ich kann aus Zeitgründen nicht auf alle eingehen.
Es leben zunächst nicht so viel alte
Menschen im Altersheim, wie oft vermutet wird, es sind rein statistisch 4 % der
über 65-Jährigen und das Durchschnittsalter beim Eintritt in das
Altersheim beträgt im allgemeinen weit über 80 Jahre.
Mir erscheint aber eine psychologische
Betrachtung besonders wichtig. Mit dem Altersheim verbindet man das schwierige
Thema des Sterbens und des Todes. Die Verbindung von
"Sexualität" und "Tod" bewirkt aber eine erhebliche
Spannung auch für die betreuenden Menschen, insbesondere die
jüngeren, und es entstehen Gefühle der Unruhe und des Unbehagens,
denen man sich entziehen möchte und so kommt manches Verbot zustande.
Insofern muß man Verständnis für das Pflegepersonal haben,
für welches sexuell gefärbte Situationen nicht leicht zu
bewältigen sind.
Auf der anderen Seite ist intimer und sexueller
Kontakt ein zutiefst menschliches Bedürfnis, welches sogar bei extremen
Rahmenbedingungen, nämlich in der Institution Altersheim, nicht
unterdrückt werden kann. Insofern muß man von seiten des
Pflegepersonals und der Angehörigen um Verständnis für die
Heimbewohner ersuchen.
Letztendlich sollte es für jeden Menschen,
wie alt er auch sein mag, möglich sein, seine persönliche sexuelle
Identität bis zum Lebensende bewahren zu können.
Lassen Sie mich meine Ausführungen zum
Themenpunkt "Partnerlosigkeit im Alter" oder wie man sich modern
ausdrückt "Single im Alter" mit einem Zitat beginnen:
"Alte Menschen verlieren nicht das
Bedürfnis berührt zu werden, sondern sie verlieren Mitmenschen, die
sie berühren."
Es ist für viele Menschen eine
äußerst schwierige, schicksalhafte Situation, nach Jahrzehnten des
ehelichen Zusammenlebens im Alter partnerlos zu werden, sei es, weil der
Partner gestorben ist oder sei es nach einer Scheidung. Mit dem Wegfall des
Partners verändert sich zwangsweise auch das Sexualleben. Nicht wenige
alleinstehende Menschen entscheiden sich in solch einer Lebenssituation
für eine dauerhafte sexuelle Abstinenz, sei es, weil sie sich innerlich
noch an ihren verstorbenen Partner gebunden fühlen oder sei es als eine
lebensgeschichtlich gewachsene, sinnvolle Entscheidung zugunsten anderer Werte,
Interessen und Ziele.
Andere möchten auf Dauer nicht auf sexuelle
Aktivitäten verzichten und suchen neue Beziehungen oder auch erotische
Freundschaften, wobei Männer aktiver sind als Frauen. Für viele
ältere Singles bedeutet das alleine leben zugleich einen Zugewinn an
Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, so daß oft eine weitere
Heirat oder ein Zusammenziehen abgelehnt wird. Es wird "innere Nähe
bei äußerer Distanz" gelebt.
Ein Blick in die Statistik beweist
übrigens, daß das Thema "Partnerlosigkeit im Alter" vor
allen Dingen ein "Frauenthema" ist.
Nach dem Statistischen Bundesamt zeigt der
Familienstand, daß bei den über 65-Jährigen 28 % der Frauen
verheiratet und 72 % alleinstehend sind. Bei den Männern ist es umgekehrt,
75 % sind verheiratet und 25 % alleinstehend.
Es gibt in den höheren Altersgruppen in
Relation zu den Frauen immer weniger Männer. Praktisch bedeutet dies,
daß es für alleinstehende ältere Frauen aufgrund des
Männermangels schwierig ist, einen neuen Partner im Alter zu finden. Aus
Studien geht klar hervor, daß 97 % der Frauen zwischen 50 und 91 Jahren
gerne einen männlichen Partner hätten. Allerdings ist hier zu 45 %
eine kameradschaftliche, zu 23 % eine romantisch-zärtliche Partnerschaft
und zu 26 % genitale Sexualität erwünscht.
Auf manches wird im Alter notgedrungen
verzichtet werden müssen, aber nicht auf alles. Flirten, zärtliche
Berührungen, erotische Träume und Phantasien, literarische und
visuelle Erotika sind ebenso Formen von Sexualität, die auch von
alleinstehenden Menschen gelebt werden können.
Verstehen Sie mich nicht falsch, meine
Ausführungen sollen keine sexuellen Normen für ältere Menschen
darstellen. Im Gegenteil, ich möchte Sie mit meinem Vortrag nur dazu
ermutigen, je nach Möglichkeit Ihren persönlichen Umgang mit der
Sexualität in der zweiten Lebenshälfte zu finden.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich bin Ihnen noch die Antwort schuldig auf die
Frage, ob nun Sexualität im Alter ein "Tabu" ist. Meiner Meinung
nach muß man mit gewissen Einschränkungen doch mit ja
antworten.
Wie würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen
antworten nachdem ich Ihnen ein Kaleidoskop von Forschungsergebnissen,
Aussagen, Ansichten und Meinungen vorgetragen habe. Natürlich konnte dies
nicht anders sein, einfach, weil das Leben so bunt ist wie ein
Kaleidoskop.
Ich bedanke mich für Ihr interessiertes
Zuhören und meine, daß Sie sich die anschließende Kaffeepause
wohl verdient haben.
Übrigens, beim Kaffee gibt es immer irgend
etwas dazu. Ich wünsche Ihnen heute einen Schuß verbaler Erotik
dazu.
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