Dr. Gisela Löhberg
Sexualität im Alter

- ein Tabu?

von Frau Dr. med. Gisela Löhberg
Ärztliche Leiterin des Gesundheitsamtes Nürnberg
 Vortrag beim 7. Mittelfränkischen Geriatrie-Tag am
13. März 1999 im Diakoniewerk Martha-Maria Nürnberg

Veranstalter: Geriatrie-Förderverein Mittelfranken e.V.

Herausgeber:

Geriatrie-Förderverein Mittelfranken e.V., Geschäftsstelle im VdK-Haus,
Rosenaustraße 4,
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Vervielfältigung nur mit vorheriger Genehmigung durch die Autorin:

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Fotos:
Heinz Menzel, Ansbach

Sehr geehrte Damen und Herren!

 Tabu, das Wort kommt aus dem Polynesischen. Tabu, sagt das Lexikon, bedeutet: Das Unaussprechliche, das Unberührbare, das Verbotene, mit dem Sinn, Unheil magisch durch eine übernatürliche Macht zu vermeiden.

 Das Lexikon sagt auch: Tabus sind im allgemeinen geheimnisvoll und weder rational zu verstehen noch funktional begründet.

 Tabus beziehen sich immer auf grundlegende Werte einer Gesellschaft, nämlich um das soziale Handeln des Einzelnen den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen anzupassen.

 Vieles paßt meines Erachtens auch zur Sexualität, obwohl diese heutzutage natürlich kein Tabu mehr ist.

Jeder hat seine eigenen Gedanken, wenn die Sprache auf das Sexuelle kommt. Der eine verbindet damit Liebe, Zärtlichkeit, Erotik, Kuschelsex, der andere Risiko, Abenteuer, Macht ausüben, Aggression. Mit der Sexualität lassen sich fast alle Gefühle der Menschen in Beziehung setzen, und vergessen wir nicht, der sexuelle Trieb ist eine Grundstrebung des Menschen, der auch wir alle unser Leben verdanken.

Ein wesentlicher Aspekt des Alters ist, daß man Erfahrungen gesammelt hat, gewollt oder ungewollt, und auch auf den sexuellen Bereich bezogen sicherlich gute und mal weniger gute, vielleicht sogar auch leidvolle.

Ich habe natürlich anläßlich meines Kurzreferates nochmals spezielle Fachliteratur gelesen, denn mein Alltag im Gesundheitsamt vermittelt mir dieses Wissen natürlich nicht, und so kann ich doch einiges berichten, was für den Einzelnen neu ist, der andere mag sich bestätigt sehen und der dritte wird etwas mutiger dadurch.

Der Anthropologe Ashley Montague kommt zu dem Schluß, daß das Alter nicht anhand eines Kalenders gemessen werden kann, sondern nur anhand des tatsächlichen Lebens einer Person.

Die Jugend ist gegen das Alter schon klar abgrenzbar, aber tatsächlich sind die Übergänge vom mittleren Lebensalter zum Alter im allgemeinen fließend.

Glaubt man den Soziologen, so ist die durchschnittliche Einstellung in unserer Gesellschaft gegenüber alten Menschen von dem eingebürgerten Vorurteil der Asexualität mit geprägt.

 Das Vorurteil vom asexuellen Alter scheint vor allen an drei Punkte anzuknüpfen:

1. die sexuelle Funktion ist, besonders bei der Frau, gebunden an die Fruchtbarkeit,

2. sexuelle Spannung und das Bedürfnis nach Befriedigung sind in der Jugend hoch und sinken mit dem Alter ab,

3. Jugend ist verbunden mit körperlicher Gesundheit, und die natürlichen Veränderungen des Alters werden als Krankheit angesehen.

Diesen drei Punkten stehen die Forschungsergebnisse zum Sexualverhalten im Alter gegenüber. Aus wissenschaftlichen Studien geht klar hervor, daß die Frau lebenslang orgasmusfähig ist, trotz Veränderungen am Genitale durch Hormonmangel durch die Wechseljahre, und daß sie sexuelle Wünsche hat, wenn auch nicht immer gleich stark. Die individuelle Fähigkeit der Frau diese Wünsche zu befriedigen, hängt außerordentlich stark mit ihrem Sexualleben in der Jugend zusammen. Fast ohne Ausnahme, und dies gilt auch für Männer, sind Personen, die in der Jugend sexuell aktiv waren, es auch noch im Alter, und die Personen, die ihre sexuellen Bedürfnisse auch in der Jugend als gering beschrieben, sind im Alter weniger aktiv.

Aus Zeitgründen möchte ich nicht im Detail auf alle Veränderungen des weiblichen Genitale durch Hormonmangel eingehen. Der Hormonmangel bewirkt überwiegend eine Verlangsamung und eine gewisse Abschwächung von Reaktionen, die, wenn gewünscht, durch Hormongaben, von der Frauenärztin oder vom Frauenarzt verschrieben, erheblich verbessert werden können.

Entscheidend ist aber eigentlich, wenn wir von einer gewünschten Befriedigung der Frau ausgehen, eine angemessene sexuelle Erregung der Frau. Diese wiederum ist nicht nur vom körperlichen Miteinander der Partner, sondern auch von seelischen und sozialen Faktoren abhängig, auf die ich später noch eingehen möchte.

Die sexuellen Funktionen des älteren Mannes sind an und für sich störanfälliger als die sexuellen Funktionen der älteren Frau. Häufig führen Erkrankungen, z. B. ein Bluthochdruck und eine Zuckererkrankung mit den Folgen von Durchblutungsstörungen zu sexuellen Schwierigkeiten, z. B. einer Impotenz. Natürlich spielen bei Impotenz auch die seelischen und sozialen Bedingungen eine wichtige Rolle. Man sollte mit einem Arzt seines Vertrauens darüber sprechen, versuchen eine Abklärung des Geschehens zu erreichen und wenn möglich und gewünscht, sich therapieren lassen. Die Möglichkeiten der modernen Medizin sind wirklich erstaunlich. Seit ein paar Monaten gibt es eine neue medikamentöse Hilfe, die für Aufsehen sorgte und Ihnen allen sicherlich schon bekannt ist als das blaue Wunder namens "Viagra". "Viagra" ist kein potenzst eigerndes Liebeselixier der Moderne, sondern wirklich ein Medikament, welches man nur auf Rezept erhält und, wenn man es ausprobieren möchte, eine vorherige ärztliche Beratung erfordert.

Erstaunlich ist, daß die Forschungsarbeiten, die unser heutiges Thema betreffen, sich fast ausschließlich mit Ehepaaren beschäftigen und in sexueller Hinsicht überwiegend nur mit dem klassisch vollzogenen Geschlechtsverkehr. Da erfahren wir dann, daß, natürlich rein statistisch gesehen, dieser bei der Frau zwischen 60 bis 65 Jahren und beim Mann mit 68 Jahren die vorherige Wertigkeit verliert. Jedoch sind bei den Männern zwischen 70 ñ 79 Jahren noch 30 % und bei den Männern über 80 Jahren noch 22 % sexuell aktiv. Bei den Frauen zwischen 70 und 79 Jahren sind noch je nach Studie 31 und 45 % und bei den Frauen über 80 Jahren noch bis zu 10 % sexuell aktiv.

Im allgemeinen sind es zu 2/3 der Männer und zu 1/3 die Frauen, die den ehelichen Geschlechtsverkehr einstellen möchten. Die Gründe sind zwar bei beiden Geschlechtern die gleichen, zum Beispiel Verlust des Interesses, sexuelle Probleme und Krankheit, aber die zahlenmäßige Verteilung ist doch recht unterschiedlich. Sexuelle Probleme werden beim Mann bis zu 40 % angegeben, bei der Frau nur bis 6 %. Allerdings muß man dazu ergänzen, daß die sexuellen Probleme von älteren Männern von der Medizin ausführlich beachtet werden, auch wenn sie oft recht technisch behandelt werden.

Die ausführliche Beachtung von seiten der Medizin ist insofern verständlich, da die Männer auf dem Gebiet der genitalen Sexualität einem größeren "Erfolgs- und Leistungsdruck" ausgesetzt sind als die Frauen.

Die sexuellen Störungen der Frau werden insgesamt selten angesprochen und sie werden wohl wissenschaftlich und gesellschaftlich als nicht so interessant angesehen.

Obwohl viele Wissenschaftler sexuelle Aktivität mit für das Nonplusultra älterer Partnerschaften zu halten scheinen, sehen die Betroffenen das offenbar ganz anders. Bezüglich der körperlichen Möglichkeiten der sexuellen Aktivitäten hat man sich in der Realität arrangiert und übt andere sexuelle Praktiken aus, wobei der Hand eine besondere Bedeutung zukommt. Zärtlichkeit und Umarmungen sind für einige wichtig. Für andere wiederum bedeutet der Rückzug vom Geschlechtsverkehr auch das sich Zurückziehen von fast jeglichem intimen Körperkontakt. An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen zu erwähnen, daß die altersbedingten körperlichen Veränderungen oft als Schwäche angesehen werden. Man schämt sich für etwas und vor jemandem. Man fürchtet eine Bloßstellung und eine damit verbundene Zur ückweisung. Es ist eine wichtige Aufgabe bei der Beziehungsarbeit in einer Partnerschaft älterer Menschen sich gegenseitig zu helfen die Angst davor zu überwinden.

Zitat: "Die Liebe hat weder mit dem Geburtsdatum noch mit der Schönheit oder Gesundheit zu tun. Mit achtzig kann man lieben wie mit sechzehn. Die Falten graben sich ins Gesicht ein, aber nicht ins Herz oder Geschlecht."

Wie ich vorher erwähnte, beziehen sich die Forschungen überwiegend auf Ehepaare. Die sexuellen Situationen in anderen Beziehungen wurden kaum untersucht. Es gibt aber Hinweise, daß Frauen in nichtehelichen Beziehungen Sex für wichtiger halten und auch häufiger sexuell aktiv sind. Vermutlich steht das in Zusammenhang mit der im allgemeinen kürzeren Beziehungsdauer nichtehelicher Beziehungen. Sexuell aktive ältere Frauen weisen auch weniger körperliche genitale Altersveränderungen auf als ältere Frauen ohne sexuelle Aktivitäten. Ein roter Faden zieht sich durch die gesamte Literatur über ältere Menschen: Wie in anderen Lebensbereichen im Alter, wir kennen alle das Sprichwort: "Wer rastet, der rostet", so ist es auch im sexuellen Bereich: Aktivität schützt vor Abbauerscheinungen.

Aber wie aufschlußreich nun auch die einzelnen Sexualstudien sind, es bleiben viele offene Fragen. Klar ist eigentlich jedem, daß man die weibliche oder die männliche Sexualität nicht so isoliert sehen kann. Natürlich gibt es eine Wechselbeziehung zwischen Sexualität und emotionaler Beziehung der Partner, die das Erleben ausmachen. Dieses Erleben bei älteren Menschen ist aber wenig erforscht. Auch die Frage, wie können ältere Paare im erotischen Bereich langfristig Routine und Langeweile vermeiden, wäre eine interessante Frage. Eine ganz andere, aber für den Einzelnen eine wichtige Frage könnte sein, wie bekomme ich überhaupt wieder einen Partner, wenn ein Verlust stattgefunden hat, damit ich Sexualität leben kann?

Ältere Menschen müssen sicherlich auch vermehrt lernen, ihre Bedürfnisse offen anzusprechen, z. B. bei Ärzten bzw. allen anderen helfenden Berufsgruppen, aber auch bei den Angehörigen.

Ich weiß, daß dies nicht leicht ist. Insbesondere diejenigen unter Ihnen, die im ersten Drittel dieses Jahrhunderts geboren wurden, werden bestätigen, daß in dieser Zeit die Sexualaufklärung nur unzureichend stattfand und daß das Verständnis von Sexualität stark von einengenden traditionellen Moralvorstellungen und religiösen Normen geprägt war. Durch einen derartigen Umgang mit dem Thema Sexualität in der Vergangenheit, fällt es vielen älteren Menschen heute auch noch sehr schwer über Sexualität zu reden, da sie es nie wirklich gelernt haben, offen mit diesem Thema umzugehen. Aber dieser Kurzvortrag soll Impulse setzen. Vor allem eben sich über seine Bedürfnisse klar zu werden, zu ihnen zu stehen und im vernünftigen Rahmen versuchen, sie zu verwirklichen.

Letztendlich kann man nur betonen und raten, die bereits vorhandenen Möglichkeiten zur Geselligkeit, Kontaktaufnahme und Gesprächen, die angeboten werden, persönlich intensiv zu nutzen.

Lassen Sie mich noch kurz auf ein Thema eingehen, welches vom gesellschaftlichen Bewußtsein wenig aufgegriffen wird: Sexualität im Altersheim.

Die Gründe dafür sind vielfältig und ich kann aus Zeitgründen nicht auf alle eingehen.

Es leben zunächst nicht so viel alte Menschen im Altersheim, wie oft vermutet wird, es sind rein statistisch 4 % der über 65-Jährigen und das Durchschnittsalter beim Eintritt in das Altersheim beträgt im allgemeinen weit über 80 Jahre.

Mir erscheint aber eine psychologische Betrachtung besonders wichtig. Mit dem Altersheim verbindet man das schwierige Thema des Sterbens und des Todes. Die Verbindung von "Sexualität" und "Tod" bewirkt aber eine erhebliche Spannung auch für die betreuenden Menschen, insbesondere die jüngeren, und es entstehen Gefühle der Unruhe und des Unbehagens, denen man sich entziehen möchte und so kommt manches Verbot zustande. Insofern muß man Verständnis für das Pflegepersonal haben, für welches sexuell gefärbte Situationen nicht leicht zu bewältigen sind.

Auf der anderen Seite ist intimer und sexueller Kontakt ein zutiefst menschliches Bedürfnis, welches sogar bei extremen Rahmenbedingungen, nämlich in der Institution Altersheim, nicht unterdrückt werden kann. Insofern muß man von seiten des Pflegepersonals und der Angehörigen um Verständnis für die Heimbewohner ersuchen.

Letztendlich sollte es für jeden Menschen, wie alt er auch sein mag, möglich sein, seine persönliche sexuelle Identität bis zum Lebensende bewahren zu können.

Lassen Sie mich meine Ausführungen zum Themenpunkt "Partnerlosigkeit im Alter" oder wie man sich modern ausdrückt "Single im Alter" mit einem Zitat beginnen:

"Alte Menschen verlieren nicht das Bedürfnis berührt zu werden, sondern sie verlieren Mitmenschen, die sie berühren."

Es ist für viele Menschen eine äußerst schwierige, schicksalhafte Situation, nach Jahrzehnten des ehelichen Zusammenlebens im Alter partnerlos zu werden, sei es, weil der Partner gestorben ist oder sei es nach einer Scheidung. Mit dem Wegfall des Partners verändert sich zwangsweise auch das Sexualleben. Nicht wenige alleinstehende Menschen entscheiden sich in solch einer Lebenssituation für eine dauerhafte sexuelle Abstinenz, sei es, weil sie sich innerlich noch an ihren verstorbenen Partner gebunden fühlen oder sei es als eine lebensgeschichtlich gewachsene, sinnvolle Entscheidung zugunsten anderer Werte, Interessen und Ziele.

Andere möchten auf Dauer nicht auf sexuelle Aktivitäten verzichten und suchen neue Beziehungen oder auch erotische Freundschaften, wobei Männer aktiver sind als Frauen. Für viele ältere Singles bedeutet das alleine leben zugleich einen Zugewinn an Unabhängigkeit und Eigenständigkeit, so daß oft eine weitere Heirat oder ein Zusammenziehen abgelehnt wird. Es wird "innere Nähe bei äußerer Distanz" gelebt.

Ein Blick in die Statistik beweist übrigens, daß das Thema "Partnerlosigkeit im Alter" vor allen Dingen ein "Frauenthema" ist.

Nach dem Statistischen Bundesamt zeigt der Familienstand, daß bei den über 65-Jährigen 28 % der Frauen verheiratet und 72 % alleinstehend sind. Bei den Männern ist es umgekehrt, 75 % sind verheiratet und 25 % alleinstehend.

Es gibt in den höheren Altersgruppen in Relation zu den Frauen immer weniger Männer. Praktisch bedeutet dies, daß es für alleinstehende ältere Frauen aufgrund des Männermangels schwierig ist, einen neuen Partner im Alter zu finden. Aus Studien geht klar hervor, daß 97 % der Frauen zwischen 50 und 91 Jahren gerne einen männlichen Partner hätten. Allerdings ist hier zu 45 % eine kameradschaftliche, zu 23 % eine romantisch-zärtliche Partnerschaft und zu 26 % genitale Sexualität erwünscht.

Auf manches wird im Alter notgedrungen verzichtet werden müssen, aber nicht auf alles. Flirten, zärtliche Berührungen, erotische Träume und Phantasien, literarische und visuelle Erotika sind ebenso Formen von Sexualität, die auch von alleinstehenden Menschen gelebt werden können.

Verstehen Sie mich nicht falsch, meine Ausführungen sollen keine sexuellen Normen für ältere Menschen darstellen. Im Gegenteil, ich möchte Sie mit meinem Vortrag nur dazu ermutigen, je nach Möglichkeit Ihren persönlichen Umgang mit der Sexualität in der zweiten Lebenshälfte zu finden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin Ihnen noch die Antwort schuldig auf die Frage, ob nun Sexualität im Alter ein "Tabu" ist. Meiner Meinung nach muß man mit gewissen Einschränkungen doch mit ja antworten.

Wie würden Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen antworten nachdem ich Ihnen ein Kaleidoskop von Forschungsergebnissen, Aussagen, Ansichten und Meinungen vorgetragen habe. Natürlich konnte dies nicht anders sein, einfach, weil das Leben so bunt ist wie ein Kaleidoskop.

Ich bedanke mich für Ihr interessiertes Zuhören und meine, daß Sie sich die anschließende Kaffeepause wohl verdient haben.

Übrigens, beim Kaffee gibt es immer irgend etwas dazu. Ich wünsche Ihnen heute einen Schuß verbaler Erotik dazu.